Der gebürtige Kleinenbremer Wilhelm Gerntrup ist im Alter von 88 Jahren gestorben. Als genauer Beobachter des lokalen Geschehens schrieb er viele Artikel fürs MT. Und er legte eine wichtige Dokumentation jüdischen Lebens an der Porta vor.

Auszeichnung im November 2023: Wilhelm Gerntrup erhielt damals die Dr.-Jørgen-Kieler-Medaille, benannt nach dem dänischen Widerstandskämpfer und Barkhauser KZ-Häftling. © Archivfoto: Stefan Lyrath

Porta Westfalica/Bückeburg. Das Schweigen der Mehrheit hilft den Demokratieverächtern. Deshalb hat Wilhelm Gerntrup oft seinen Mund aufgemacht und etliche Artikel geschrieben, auch fürs MT. „Wenn man die Demokratie erhalten will, muss man die Klappe aufmachen, auch Hohn, Spott und Widerstand ertragen“, sagte Gerntrup im November 2023. Damals verlieh ihm der Portaner KZ-Gedenkstättenverein die Dr.-Jørgen-Kieler-Medaille, benannt nach dem Widerstandskämpfer, der 1944/45 KZ-Häftling in Barkhausen war. Die Stimme eines wichtigen Mahners gegen das Vergessen ist nun verstummt: Wilhelm Gerntrup starb am 1. August im Alter von 88 Jahren.

Sein umfangreiches Archiv half ihm bei der Berichterstattung

Jahrzehntelang hat Gerntrup mit seinen sorgfältig recherchierten Artikeln die Lokalseiten hiesiger Tageszeitungen bereichert. Im Mittelpunkt stand (Kultur-) Historisches, aber auch politisch Aktuelles. Der Fokus lag bis zum Umzug des Ehepaars Gerntrup nach Bückeburg auf dem Geschehen in seinem Heimatort Kleinenbremen, den der Gerntrup stets liebevoll als Lütgenbremen bezeichnete. Dank seines umfangreichen Archivs erinnerten seine Artikel an besondere lokale und regionale Ereignisse, die nicht in Vergessenheit geraten sollten. Und zugegeben: Hätte er nicht auf diverse Jahrestage hingewiesen, wären sie wohl manchem Redakteur entgangen.

Kleinenbremer Ortsheimatpfleger von 1991 bis 2003

Wilhelm Gerntrup wurde 1937 in Kleinenbremen geboren, wo sein Vater Maschinen-Steiger der Grube „Wohlverwahrt“ war, und arbeitete nach dem Abitur bei der Bundesbahn. Ehrenamtlich engagierte er sich von 1991 bis 2003 als Ortsheimatpfleger. Sein Schwerpunkt war von Anfang an die im Dorf weitgehend verdrängte Nazizeit. Als Kind hatte er den Einsatz von polnischen und russischen Kriegsgefangenen im Schermbecker Stollen erlebt, die Schließung der Kleinenbremer Volksschule wegen der Einberufung ihrer Lehrer zur Wehrmacht sowie nach dem Krieg den Zuzug von Vertriebenen und deren Einquartierung.

Im Jahr 1994 legte Gerntrup „Nachbarn in Not“ vor, eine Dokumentation über das jüdische Leben an der Porta Westfalica. Gleichzeitig leistete er damit eine wichtige Vorarbeit für die Verlegung von 27 Stolpersteinen, die in Hausberge an deportierte und zum größten Teil ermordete Portaner Juden erinnern.

Freundschaft mit dem Sohn des Widerstandskämpfers von Plettenberg

Gerntrup war mit dem Sohn des Widerstandskämpfers Kurt Freiherr von Plettenberg befreundet, der Teile des Preußenschatzes in der Kleinenbremer Kirche versteckt hatte. Zum prämierten Theaterstück „Kirche & Krone“ (2021) steuerte er historisches Hintergrundwissen bei. Er hielt Vorträge, in denen er nicht auswich, sondern Verbrechen, Unrecht und Fehlentwicklungen beim Namen nannte. Und stand mal in der Zeitung ein Bericht, dessen Aussagen sich nicht mit seinen Erkenntnissen und Einschätzungen deckten, scheute Gerntrup auch nicht das - sachliche - Streitgespräch mit der Redaktion.

In „Nachbarn in Not“ hatte sich Wilhelm Gerntrup besonders mit der fast vollständigen Vernichtung der Kleinenbremer Familien Philippsohn und Tannenbaum beschäftigt. Er habe „den Menschen eine Stimme gegeben, die sie selbst nicht erheben konnten“, sagte Bürgermeisterin Anke Grotjohann anlässlich der Verleihung der Kieler-Medaille. „Damit werden diese Menschen nicht vergessen - durch Sie, Herr Gerntrup.“

„Copyright: Mindener Tageblatt. Texte und Fotos aus dem Mindener Tageblatt sind urheberrechtlich geschützt. Weiterverwendung nur mit schriftlicher Genehmigung der Redaktion“