Nachwehen des Westfälischen Friedens

Warum in der Lütkenbremer 32 Jahre lang zweimal Weihnachten gefeiert wurde / Umstellung des Kalenders führte zu völliger Konfusion

Von Wilhelm Gerntrup

Porta Westfalica-Kleinenbremen (gp). Der Westfälische Frieden vor 350 Jahren brachte eine grundlegende Neuordnung der hiesigen Herrschafts- und Grenzverhältnisse mit zum Teil kuriosen Folgen für die Untertanen. Im Kirchspiel Kleinenbremen zum Beispiel wurde mehr als 30 Jahre lang zweimal im Jahr Weihnachten gefeiert.

Im Oktober 1648 begannen die Menschen überall in Europa tief durchzuatmen. Herolde hatten das Ende des Dreißigjährigen Krieges verkündet. Einer der schrecklichsten Kriege der Menschheitsgeschichte war zu Ende. Da war es den meisten egal, daß die Mächtigen jener Tage in den Friedensverhandlungen zu Münster und Osnabrück Land und Leute neu unter sich aufgeteilt hatten und sich mancher Untertan von einem Tag auf den anderen an den Namen (und die Willkür) eines neuen Herrn gewöhnen mußte.

Ganz hart traf es in dieser Hinsicht die Bewohner der hiesigen schaumburgisch-mindischen Grenzregion. Das bis dato selbständige Fürstentum Minden hatte sich unter Einsatz massiver Bestechungsgelder der brandenburg-preußische Kurfürst Friedrich Wilhelm, später der Große Kurfürst genannt, unter den Nagel gerissen. Auch die benachbarte alte Grafschaft Schaumburg gab es nicht mehr. Das ohnehin kleine Land war bereits während des Krieges neu aufgeteilt worden.

Bückeburg als Regierungssitz

Der südöstliche Bereich mit den Ämtern Schaumburg und Rodenberg und Teile des Amtes Sachsenhagen wurde als Grafschaft Schaumburg (Regierungssitz Rinteln) dem Kurfürstentum Hessen-Kassel zugeschlagen. Der Rest nämlich die nordwestlich gelegenen Ämter Bückeburg, Arensburg, Stadthagen und Hagenburg hieß fortan Grafschaft Schaumburg-Lippe, blieb jedoch immerhin als Staatsgebilde selbständig. Regierungssitz war Bückeburg.

Die Veränderungen führten zu einem heillosen Durcheinander. Besonders deutlich bekamen das die Einwohner in den Grenzgemeinden wie Kleinenbremen und Frille zu spüren. Lütkenbremen lag wie ein preußischer Vorposten zwischen den Staaten Schaumburg-Lippe und Hessen.

Ein Teil der Höfe in Kleinenbremen und Wülpke gehörte, obwohl auf brandenburg-preußischem Territorium gelegen, zum Amt Bückeburg. Ihre Bewohner unterlagen der schaumburg-lippischen Gerichtsbarkeit und durften zum Beispiel von den in Kleinenbremen zuständigen preußischen Gendarmen nicht behelligt werden. Andererseits gehörten die schaumburg-lippischen Dörfer und Ortsteile Luhden, Knatensen, Selliendorf und Schermbeck zum Kirchspiel Lütkenbremen.

Untertan im Dreiländereck

Ganz vertrackt war es in der Bauerschaft Schermbeck, wo die Grenzen von Preußen, Hessen und Schaumburg-Lippe zu einem Dreiländereck zusammenliefen und drei verschiedene Sorten von Untertanen auf einem Fleck zusammenlebten. Die kleinen Leute zeigten sich, wie stets in solchen Situationen, flexibel. Viele nutzten die Situation, um ihre bescheidenen Einkünfte mit Schmuggeln aufzubessern. Die Bauern, deren Äcker und Wälder nicht selten über zwei oder gar drei Staaten verteilt waren, mußten aufpassen, daß sie nicht von mehreren Obrigkeiten gleichzeitig abkassiert wurden.

Am meisten gebeutelt aber war der damalige Lütkenbremer Pastor Vortmeyer, der es in seiner Christengemeinde plötzlich mit preußischen, schaumburg-lippischen und hessischen Staatsangehörigen zu tun hatte. Das geistliche Oberhaupt geriet ein ums andere Mal in Schwierigkeiten, wenn es galt, die meist unterschiedlichen Auflagen und Interessen der weltlichen Herren mit den Interessen seiner zum Bistum Minden zugehörigen Kirche unter einen Hut zu bringen.

Ganz schlimm wurde es für Vortmeyer, als die Preußen am 1. März des Jahres 1668 den Gregorianischen Kalender einführten. Der nach Papst Gregor XIII. benannte neue Kalender enthielt gegenüber dem bis dato überall im heimischen Raum angewandten Julianischen Kalender (benannt nach Julius Cäsar) etliche einschneidende Neuerungen. Die wichtigste: Er war der bisherigen Zeitrechnung um zehn Tage voraus. Da die Schaumburg-Lipper und Hessen bei ihrem (Julianischen) Kalender blieben, führte das dazu, daß ihre Untertanen gegenüber den preußischen Nachbarn plötzlich um zehn Tage hinterherhinkten.

Wenn in Kleinenbremen und Wülpke Sonntag war, zeigte der Kalender in Knatensen, Luhden und in der Hälfte der Häuser in Selliendorf und Schermbeck einen Donnerstag an. Die Verabredung von Besuchen zwischen Freunden und Verwandten über die Grenze hinweg gedieh zur höheren Mathematik. In amtlichen Regierungsschreiben und bei Bekanntgaben von der Kanzel wurden beide Daten genannt.

Wirrwarr um Gottesdienste

Ein besonderes Kapitel war der damals selbstverständliche Kirchgang. Durch die Umstellung hatten die schaumburg-lippischen und hessischen Christen der Kleinenbremer Kirchengemeinde keinen sonntäglichen und keinen Feiertagsgottesdienst mehr. Wenn die Glocken in Lütkenbremen zum Kirchgang riefen, war bei ihnen Donnerstag, das heißt, sie mußten am Arbeitstag in die Kirche. Wenn bei ihnen dagegen Sonntag und damit Kirchgang angesagt war, waren in Kleinenbremen Pastor und Küster auf dem Felde. Genau umgekehrt war es übrigens in den Orten Nammen und Frille, deren Einwohner zu den schaumburgischen Kirchspielen Petzen und Wietersheim gehörten.

Da keine der beiden Regierungen nachgeben wollte, wurde das Problem auf dem Rücken der Pastoren ausgetragen. Sie mußten sich bei der Ansetzung der Gottesdienste nach beiden Zeitrechnungen richten und hatten zweimal pro Woche Sonntag, anders gesagt: sie mußten sowohl am preußischen Sonntag als auch am schaumburg-lippischen und hessischen Sonntag Gottesdienst abhalten.

Ende mit neuer Zeitrechnung

Genauso verhielt es sich auch an den christlichen Feiertagen wie Ostern oder Weihnachten. Nicht überliefert ist, wie die betroffenen Familien in der Praxis damit klarkamen und ob die Kinder möglicherweise zu beiden Weihnachten Geschenke bekamen.

Die kuriosen Verhältnisse fanden erst ein Ende, als im Jahre 1700 auch Schaumburg-Lippe und das hessische Schaumburg die neue Zeitrechnung einführten.

Quelle: Mindener Tageblatt vom 26.02.1999