Fahrplan nach Schichtbeginn ausgerichtet

Wechselvolle Geschichte der Schienenstränge in Kleinenbremen / Wiederauferstehung im Zuge der NS-Zeit um 1936

Von Wilhelm Gerntrup

Porta Westfalica-Kleinenbremen (gp). Der Widerstand der MKB bei der Planung des Tebbe-Kreisels hat in Kleinenbremen die Frage nach Sinn, Zweck und Herkunft des Schienenstrangs ins Blickfeld gerückt.

Die Gleise wurden vor exakt 115 Jahren zum Abtransport der Eisensteine verlegt. Um ein Haar wäre das Dorf mittels Seilbahn mit der großen weiten Welt verbunden worden.

Im Jahre 1883 begannen Unternehmer aus dem Ruhrgebiet im bis dato beschaulichen Bauerndorf Kleinenbremen mit dem Abbau von Eisenerz. Das Gestein wurden mit Pferdefuhrwerken zum knapp fünf Kilometer entfernten Bahnhof Bückeburg transportiert und dort auf Eisenbahnwagons verladen. Doch schon bald regte sich in der schaumburg-lippischen Fürstenresidenz Widerstand.

Die schweren Vierspänner zerpflügten die Straßen. Bei schlechtem Wetter glich die Stadt einer Schlammwüste. Wenn es trocken war, legte sich der rote Zechenstaub wie ein klebriger Film auf die herrschaftlichen Bauten und Bäume. Selbst die Bettwäsche der Schlossbewohner soll über Jahre hinweg auf der Bleichwiese rot geworden sein. So kam es, dass schon bald über neue Transportmöglichkeiten und -wege nachgedacht werden musste.

Man entschied sich zum Ausbau einer Verbindung zum 8,5 Kilometer entfernten Güterbahnhof Porta. Grund: Auf dem Weg dorthin konnte das Erz der 1881 eröffneten Lerbecker Grube Viktoria zugeladen werden. Der erste Plan lief auf den Bau einer Seilbahn hinaus.

Erz über die Weser abfahren

Sämtliche Betriebspunkte können untereinander und mit dem Güterbahnhof Porta durch eine Seilbahn verbunden werden, welche im Stande ist, 60 bis 80 Doppellader per Tag zu transportieren, heißt es in einem Gutachten. Zur Ausführung des Vorschlags kam es nicht.

Statt dessen bauten die Bergherren eine 1000 Millimeter- Schmalspur-Eisenbahn. Von 1889 an wurden die Steine über eine Rampe im Bahnhof Porta in die Reichsbahn-Wagons gekippt. Doch auch das war noch nicht der Weisheit letzter Schluss. Sowohl die schaumburg-lippische Landeshauptstadt Bückeburg als auch die preußische Provinzmetropole Minden meldeten ein dringliches Interesse am Bau einer neuen Schienenverbindung nach Kleinenbremen an. Von dort aus sollte es später nach Rinteln weitergehen.

Auslöser war die damals geradezu euphorische Erwartung an das Schienensystem. Die Zechenbetreiber entschieden sich für Minden. Das eröffnete die Möglichkeit, das Erz zusätzlich über die Weser und/oder den im Bau befindlichen Mittellandkanal abzufahren. Als Partner stand die bereits 1896 zur Erschließung der Region ins Leben gerufene Mindener Kreisbahn bereit. Deren Gleisanlagen waren, genau wie die Kleinenbremer Werksbahn, schmalspurig ausgelegt. Die Vereinbarung sah vor, dass die MKB eine neue Zubringerstrecke von Minden bis Nammen bauen und von dort aus den Gleisabschnitt bis Kleinenbremen mitbenutzen sollte.

1918 war die 8,1 Kilometer lange Strecke bis zum Bahnhof Minden Stadt fertig. Die Höchstgeschwindigkeit unterwegs war auf 30 und in Ortschaften und auf Überwegen auf 12 Stundenkilometer begrenzt. Der Strang zwischen Nammen und Porta wurde abgerissen. Mit der Stilllegung des Untertagebetriebes Ende 1923 kam auch der Erzabtransport zum Erliegen. Die MKB stieg auf Personenverkehr um. Grund: Knapp 80 der arbeitslos gewordenen Wohlverwahrt- Kumpel aus Kleinenbremen und Wülpke hatten in der Kohlenzeche Meißen Arbeit gefunden. Der Fahrplan richtete sich nahezu ausschließlich nach deren Schichtende bzw. Schichtbeginn.

Dampf macht Platz für Diesel

Eine Art Wiederauferstehung erlebte die Bahnstrecke ab 1936. Die NS-Machthaber hatten die Erzförderung im Zuge ihrer Rüstungsanstrengungen wieder auf Touren gebracht. Die Gleisanlagen wurden normalspurig (1435 Millimeter) ausgebaut. Das ermöglichte ein direktes und umladungsfreies Einstellen der Wagons in die Reichsbahnzüge.

Ein weiteres neues Kapitel begann in den fünfziger Jahren. Die guten alten Dampfloks mussten Dieselloks weichen. Der Personenverkehr wurde auf Busse verlagert, der Güterverkehr komplett eingestellt. Die Gleisanlage wurde in Kleinenbremen bald nur noch als überflüssiges und zuweilen lästiges Relikt aus längst vergangenen Zeiten wahrgenommen.

Quelle: www.mt-online.de
26.02.2004